Fleischermeister Guido Bingener bei der Arbeit – traditionelles Handwerk trifft eCommere

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Traditionelles Handwerk erobert online neue Geschäftsbereiche

Fleischermeister Bingener liest eben noch den neuen Kommentar auf der Facebookseite seines Betriebes. Dort steht: „Vom Netphener Markt her kenne ich die sehr gute Qualität der Waren von Fleischerei Bingener. Heute habe ich mir mal alles über Lozuka ausliefern lassen. Bin insgesamt sehr zufrieden mit Waren und Service. Das heutige Freitagsmenü war sehr lecker.“ Bei solchen Aussagen bekommt Guido Bingener doch schon etwas Gänsehautfeeling. Wieder findet er sich in seiner Entscheidung bestätigt und ist stolz, dass er den Mut hatte, als „Traditionshandwerker“ auch den digitalen Weg einzuschlagen.

Ob Gulaschsuppe oder Catering, Geflügelmettwürstchen oder Frikadellen, sein Angebot und sein Engagement für die individuellen Wünsche seiner Kunden haben ihn zu einer regionalen Größe für Fleisch- und Wurstwaren werden lassen. Doch das alleine ist es nicht – es sind seine Ideen und seine Bereitschaft, das Handwerk trotz oder gerade wegen traditioneller Werte mit der Zeit gehen zu lassen. Daraus entstanden in der Vergangenheit innovative Konzepte, die die Fleischerei Bingener noch erfolgreicher machten.

Rastlos in Siegen – auf der Suche nach dem letzten Kick

Bingener bildet junge Menschen zu den besten ihres Jahrgangs in Nordrhein-Westfalen aus und schickt sie erfolgreich zu Leistungswettbewerben des Deutschen Handwerks NRW. Er veranstaltet Grillseminare und bietet sein Sortiment auf Wochen- und Biomärkten an, er postet auf Facebook und hat sogar eine eigene App entwickeln lassen, die im App Store oder bei Google Play unter Bingener heruntergeladen werden kann.

Der Geschäftsmann aus Kreuztal ist dennoch unruhig und immer auf der Suche. Nach was? Was kann man noch tun, um den regionalen Markt dauerhaft zu sichern und Potenzial, das vielleicht sonst überregionale Anbieter via Online-Kanal nutzen, für sich auszuschöpfen? Über 20.500 Fleischerei-Verkaufsstellen gibt es in Deutschland, darunter rund 12.300 Meisterbetriebe, wie er es einer ist, erfahren wir bei handelsdaten.de. Doch seit 2007 sind die Zahlen rückläufig. Immer mehr Handwerkskollegen schließen. Geht da nicht noch was?

Kein Zufall – nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Es geht noch mehr! Anderer Schauplatz: Die IHK Siegen, zuständig auch für Kreuztal, hatte im gleichen Zeitraum der Umtriebigkeit unseres Fleischermeisters eine harte Nuss zu knacken. Unter dem Titel „Handel – Garant für attraktive Zentren“ resümierte die IHK für 2015: „Derzeit verschieben sich die Einkaufsgewohnheiten in Richtung Onlinehandel. Unsere Lebensgewohnheiten verändern sich durch die Digitalisierung. Eine gewaltige Herausforderung für den Handel.“ Dieser Herausforderung musste sich die IHK in ihrer Funktion als Support für den Einzelhandel vor Ort stellen. Und da war sie wieder, die Frage: Geht da noch was? Mit dieser Fragestellung ging die IHK Siegen aktiv auf eine ortsansässige, aber national agierende Internetagentur zu. Die Agentur verstand sofort und hatte gleich gute Ansätze zur Unterstützung des lokalen Einzelhandels, die auf den Siegener Einzelhandel übertragbar waren. Doch das funktionierte durch die besonderen regionalen Rahmenbedingungen nicht in der ganzen Konsequenz. Es gab keine wirklich bestehende hundertprozentige nationale Lösung, die sich erfolgreich auf den Raum Siegen adaptieren ließ. Aber wir wissen ja, dass die raue Gegend des Siegerlandes das Fundament für Hartnäckigkeit, Verbundenheit und Flexibilität ist. Dieser Lebenseinstellung kombiniert mit technischem und strategischem Know-how folgte die Agentur und entwickelte ein eigenes Konzept für das lokale Webkaufhaus Siegen.

Lokaler Marktplatz – das gibt es doch nicht?

Und die Idee ist – wie alle erfolgreichen Konzepte – relativ einfach zu erklären: Bereitgestellt wird eine mandantenfähige technische Lösung, mit der eine Region ihren Einzelhändlern vor Ort eine gemeinsame E-Commerce-Plattform bietet. Die Händler erhalten damit die Möglichkeit, sich online zu präsentieren und ihre gesamten Warensortimente dem Endkunden zu offerieren. Mit eigener Logistik sorgt – nennen wir es ab jetzt der „lokale Marktplatz“ – für die Auslieferung der Waren und die Zahlungsabwicklung. Das absolute Highlight für den kritischen und kostenorientierten Endverbraucher und somit auch für den Handel: Die Ware wird dem Endkunden zum Ladenpreis und versandkostenfrei ab dem ersten Euro geliefert.

Auf die Frage „Geht noch was?“ dürfte sich der ein oder andere geneigte Leser vielleicht jetzt spontan zum Ausruf „Das geht doch gar nicht!“ hinreißen lassen. Haben Sie bitte noch einen Moment Geduld und lassen Sie mich das ganze Konzept erklären.

Die fünf Pfeiler des Marktplatzes sind…

  • ein „Rundum-Sorglos-Paket“ für den regionalen Einzelhändler
  • die versandkostenfreie Lieferung für den Besteller
  • der Verzicht auf einen Mindestbestellwert für den Verbraucher
  • der Verkauf der Produkte zum Ladenpreis – ohne Aufschlag
  • das komfortable Same-Day-Delivery mit zwei Zeitfenstern montags bis samstags.

Vor Ort wurde der lokale Marktplatz allen für den Einzelhandel wichtigen Akteuren vorgestellt: Bürgermeister, Landrat, lokale Banken, Wirtschaftsförderung, Einzelhandelsvertreter und 17 Einzelhändler hatten das Konzept schon in der Entwicklung kennengelernt und ihre Rückmeldungen waren bereits Bestandteil der vorgelegten Version.

Nur Mut – den muss man selbst mitbringen

Nun zurück zu Bingeners. Dem Konzept des lokalen Marktplatzes gegenüber aufgeschlossen, äußerte die Fleischerfamilie dennoch – nicht ganz unbegründet – Bedenken: Welcher Aufwand bedeutet das digitale Angebot für mich und mein Team? Lohnt sich die Investition? Welche Hürden gilt es zu überwinden? Welche Risiken sind damit verbunden?

Doch Bingeners wären keine Siegerländer, wenn sie nicht die Ärmel hoch krempeln und sich getraut haben dem lokalen Marktplatz ab der ersten Stunde zu folgen. Mit Sogwirkung, denn insgesamt schlossen sich 2017 16 weitere Einzelhändler an, die zusammen 17.000 Produkte in die virtuellen Regale des Webkaufhauses stellten. Nun zwei Beispiele für die Bedeutung von „Rundum-sorglos“ für einen Händler auf dem Weg der Digitalisierung: Eine selbst organisierte Logistik ist genau der Punkt, an dem viele Supermärkte „auf dem Land“ letztendlich scheitern. Sie bedeutet eine große Herausforderung, die ihnen das Marktplatzkonzept abnimmt. Das Picking, so nennen die freundlichen Mitarbeiter in den Supermärkten das Zusammenstellen von Einkaufskörben nach Bestellung, bedeutet den geringsten Aufwand. Vielmehr geht es um zeitnahe Abholung und Auslieferung. Aber auch die technischen Hürden können große Frustration für einen Einzelhändler bedeuten, der sein Kernkompetenz auf ganz anderen Gebieten hat.
Ein gemeinsamer lokaler Marktplatz mit gemeinsamer Logistik ist der Schlüssel zum Kunden – wir liefern versandkostenfrei und zum Ladenpreis an die Haustüre!

„Rundum-sorglos“ bedeutete für Bingeners aber auch, dass eine Mitarbeiterin des Marktplatzanbieters rund 80 ausgewählte Produkte innerhalb von wenigen Tagen zunächst fotografisch in Szene und dann online stellte. Der Service überzeugte!

Dann der Start – das Team zieht mit

Am 3. September 2016 eröffnete der Online-Marktplatz erstmals seine Pforten. Seitdem erhält die Metzgerei täglich Bestellungen über den Marktplatz. Der erfolgreiche Geschäftsmann aus Kreuztal hatte allerdings noch eine weitere knifflige Aufgabe zu lösen. Akzeptanz für das Angebot seitens der Verbraucher war es weniger, vielmehr ging es darum, dass er sein eigenes Team für den digitalen Auftritt begeistern und gewinnen konnte. Die Prozesse und technischen Herausforderungen mussten von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gleichermaßen getragen werden, sonst war das ganze Projekt zum Scheitern verurteilt. Der Chef tippte auf eine Quote von 3:10 – drei von zehn Verkäuferinnen oder Verkäufern trauen sich zu, Web- und E-Mail-Bestellungen abzuwickeln. Heute schämt er sich ein bisschen für seine Einschätzung und weil er nicht mehr Vertrauen zu seinem Team hatte. Doch innerhalb von wenigen Wochen waren die Abläufe bereits eingespielt. Heute sind zehn von zehn Verkäuferinnen fit für das System. Sie rufen die Bestellungen ab, bereiten die Abholung vor und bestätigen im System den Abschluss des Einkaufs. Der lokale Marktplatz wurde zu einem festen Bestandteil der täglichen Abläufe in der Metzgerei.

Janet Bingener spricht auf dem Symposium zur Digitalisierung des Einzelhandels über Ihre Teilnahme am lokalen Marktplatz

Mehr noch: Die Kolleginnen und Kollegen machten effiziente Verbesserungsvorschläge, die dankbar aufgenommen und sofort umgesetzt wurden. Beispielsweise die Kreation von fünf verschiedenen Grillpaketen, die die Abwicklung erleichtern: Der grillbegeisterte Kunde muss nicht alle Produkt einzeln in den Warenkorb legen und im Betrieb wird bei der Bestellvorbereitung viel Zeit gespart, da die Grillpakete vorbereitet werden können. Das Thema „Online-Marktplatz“ entwickelte somit auch für das Team eine ganz besondere, äußerst positive Dynamik.

Schöner Ausblick – neue Kunden über den virtuellen in den realen Shop

Guido Bingener wäre kein guter Geschäftsmann, wenn er nicht nach einem Jahr ein Resümee gezogen hätte. Sein Fazit: Er konnte mit dem Online-Marktplatz definitiv Neukundengeschäft generieren und – ebenfalls nicht uninteressant – viele Fans an die Ladentheke in Kreuztal locken, die den prominenten Fleischer einmal „hautnah“ erleben wollten. Ist die Geschichte hier nun zu Ende? Natürlich nicht, denn Bingener wird immer selbstbewusster – digital selbstbewusster. Er kokettiert mittlerweile mit der Digitalisierung und gibt ganz schön an – Darf er auch! Als ein Pionier seines Handwerks mittendrin im Digitalisierungsprozess hat er bereits viele Kollegen abgehängt. Daher ist es auch kein Wunder, wenn plötzlich Forderungen, Wünsche und Begehrlichkeiten laut werden. „Wie sieht es eigentlich mit einem Tablet am Point of Sale aus, an dem der Kunde seine Bestellung oder seinen Kauf bestätigen oder entsprechende Anpassungen vornehmen kann?“ Die Ideen sprudeln und aus dem Metzgermeister ist unbewusst auch ein Digital-Experte mit dem richtigen Gespür für verbesserte Prozesse und Kundenzufriedenheit geworden.

Und welches Fazit ziehen wir? Ich habe gerade in den letzten Tagen einen Beitrag im Handelsblatt mit der Headline „Der Einzelhandel droht 2019 zum Opfer der Digitalisierung zu werden“ gelesen. Die Branche befände sich in einem heftigen Strukturwandel. Die Umsätze würden sich immer mehr hin zum E-Commerce verschieben. Etliche Händler dürften das nicht überleben, so das Handelsblatt. Solche Beiträge sorgen nicht gerade für Entspannung und positiven Aufbruch. Anstatt die Digitalisierung zu verteufeln, sollte der Handel generell die damit verbundenen Chancen erkennen. Engagierte Händler müssen ihre erfolgreichen Modelle vorleben, regionale Lösungen gegen den Wettbewerb der großen Player im Netz sind zu etablieren, Mitarbeiter sollten aktiv eingebunden werden, individuelle Gestaltungsspielräume sind zu nutzen.
Mit Offenheit und dem richtigen Support – da würde uns Guido Bingener aus Kreuztal bestimmt zustimmen – macht Digitalisierung auch noch richtig Spaß!